Author Archives: daria

Stabat Mater | Kennedy Center, Washington, D.C. | März 2012

Es gab Momente – in Soli und in den Ensembles – da  schwebte Anne Schwanewilms’ lyrischer Sopran über dem Chor wie ein überirdisches Wesen…

WashingtonTimes

In fünf der acht mittleren Sätze stehen die Solisten im Zentrum. Sopranistin Anne Schwanewilms, Altistin Nathalie Stutzmann, Tenor Steve Davislim, und der Bass Burak Bilgili waren alle unübertrefflich. Da Orchester und Chor alles an Lautstärke einsetzten, musste sich jeder von ihnen so gut er konnte gegenüber dem massiven Klangvolumen durchsetzten. (…) Anne Schwanewilms’ Sopranstimme ist außerordentlich kraftvoll, dabei aber nie derb. Ihr Gesang war exquisit.

Robert R. Reilly, www.seenandheard – international

Liederabend | Wigmore Hall, London | Dezember 2011

Mit intuitiver Musikalität und grandioser Technik zeigte Anne Schwanewilms in diesem makellosen Liederabend mit dem Pianisten Charles Spencer wieder einmal, wie sehr sie die Skala der Emotionen – von unbeschwerter Freude bis zu tiefem Schmerz – beherrscht.

Die Lieder aus Mahlers ‚Des Knaben Wunderhorn’ boten Schwanewilms Gelegenheit, eine große Bandbreite an Charakterbeschreibungen und spielerischen Situationen darzustellen, sich sowohl Innigkeit als auch Ausgelassenheit zu Eigen zu machen. (…) In ‚Ablösung im Sommer’ und im folgenden ‚Ich ging mit Lust’ konnte Schwanewilms dank ihrer superben Atemtechnik weite rhapsodische Bögen gestalten; ihr samtener Ton war wie ein Tuch mit vielen Farben, und sie fing damit die unzähligen Farbtöne der Natur ein – von der blühenden Sanftheit des „grünen Waldes” bis zum silbernen Schein der süßen Liebkosungen des Mondes.

(…) In ‚Lob des hohen Verstandes’ (…) genoss es Schwanewilms, die individuellen Stimmen jedes „Sprechers” darzustellen und schloss mit einem erschreckend realistischen Eselsschrei! (…) im letzten Lied der Gruppe – ‚Wo die schönen Trompeten blasen’ – breitete Schwanewilms ihren schimmernden, satten Klang mit voller Wirkung aus und deutete damit auch den Übergang an von der drolligen Naivität der frühen Mahler-Lieder zur vielschichtigen emotionalen Tiefe der fünf Rückert-Lieder des Komponisten. Hier erreichten Schwanewilms und ihr Begleiter majestätische Höhen musikalischen Könnens:

Die nachdenkliche Intimität von ‚Liebst du um Schönheit’ war besonders umwerfend. Schwanewilms kann eine mühelose, schwebende Sequenz singen, einen Tonfaden in die Länge ziehen, endlos und ätherisch bis sich, fast schwerelos, das aufregend zarte Pianissimo in Luft auflöst. Sie verbindet Eloquenz und Grazie mit tiefem emotionalem Verständnis, packend eindringlich in einer faszinierenden Wiedergabe von ‚Um Mitternacht’. Hier wurde ihre nachhaltige Verankerung in der tieferen Lage erkennbar (…) Das letzte Lied ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen’ führte in die Tiefen des Ausdrucks und endete mit einer Gänsehaut erzeugenden Coda im Piano; die anhaltende Stille, die daraufhin die Musiker und die Zuhörer gleichermaßen umfasste, war ein Zeugnis für das epische Ausmaß der heraufbeschworenen und übertragenen Emotionen.

Schwanewilms scheint alles zu haben: Ausnahmslos präzise Intonation, einen lupenreinen, schimmernden Sound, fast übermenschliche Atemtechnik. Sie hat auch eine beträchtliche Bühnenpräsenz und Selbstbewusstsein: Vollkommen die Stimme und das Material beherrschend, ließ sie ein tiefes Verständnis dieser Lieder erkennen und erhielt sich doch ein Gefühl von Frische und Spontaneität. Die Kommunikation zwischen Sängerin und Pianist, und mit den Zuhörern, war ehrlich und großzügig. Kein Wunder, dass der Applaus stürmisch war.

Claire Seymour, operatoday

 

Humor und Metaphysik in einem vollendeten Liederabend dieser faszinierenden Sopranistin

 (…) Anne Schwanewilms, die deutsche Sopranistin, die in Strauss’ Musik glänzt, sollte ein leuchtendes Beispiel für jeden Sänger sein hinsichtlich ihrer Ungezwungenheit, ihres Charmes und darin, was man mit den Händen anfängt im exponierenden Licht eines Liederabends. An diesem Abend waren die Höhepunkte zwei der schönsten Lieder aller Zeiten, Mahlers, aber sie arbeitete sich zu ihnen vor mit einer Reihe von humorvollen, jenseitigen und diesseitigen Charakterisierungen. Da waren, zum Beispiel, in den ersten zehn Minuten, sechs ländlich-charmante Charaktere aus Mahlers frühen Des Knaben Wunderhorn Vertonungen verständlich zu machen. (…) Begleitet von kühlen Kuckucksrufen und klagenden „Ades“, später auch einer schockierenden Ansammlung von stimmgefährdenden Eselsrufen – und immer ein Herz und eine Seele mit der humorvollen ‚Einfalt’ des Pianisten Charles Spencer – hätte sich die Bedeutung dieser Lieder von den Schmerzen und Freuden des einfachen Volkes wahrscheinlich auch ohne jede Übersetzung erschlossen. Aber natürlich trägt dazu bei, dass Schwanewilms sich in ihrer eigene Sprache so wohl fühlt – weshalb sie auch die nobelste aller Marschallinnen in Strauss’ Der Rosenkavalier ist.  

(… in Liszts Schiller-Vertonungen …)  zeigten uns zwei Wassersirenen, dass Dvořáks Rusalka eine ideale Rolle für Schwanewilms’ übernatürlich schöne Stimmfarben wäre (…). Und die Art, wie sie sich als Erzählerin auf die Geschichte der Loreley einlässt und wieder aus ihr heraustritt, mit einfachen aber beredten Gesten, das war ein weiteres Modell für Erzählkunst im Konzert.  

Zwangsläufig waren Mahlers fünf Rückert-Lieder die ultimative Herausforderung. Der Dialog zwischen dem Geist eines Soldaten und seiner untröstlichen Liebsten ist vielleicht das tiefgründigste der Wunderhorn – Lieder; mit „Wo die schönen Trompeten blasen“ begann der Zyklus leuchtend. „Um Mitternacht“ – ebenso wie zwei der Liszt-Lieder in der ersten Konzerthälfte, zeigten das heldische Strahlen dieses Soprans, die Kraft (…). (…) reine, unforcierte Schönheit diente dazu, Mahlers am tiefsten selbstbeobachtende Meditation zu erhellen: „Liebst Du um Schönheit“ mit dem Gedanken „liebe mich nicht wegen meiner Schönheit, Jugend oder meines Reichtums, sondern allein um der Liebe willen“ war so vollkommen phrasiert und innerlich coloriert, wie es auf dieser Welt nur sein kann. Und die letzte Strophe von „Ich in der Welt abhanden gekommen“ nahm uns tief hinein in eine konzentrierte Versenkung, wie sie nur in den bedeutendsten Interpretationen – von Janet Baker, Lorraine Hunt Lieberson, Dietrich Fischer-Dieskau – vorher zu hören war. Spencers Ruhe half sicherlich dabei, die intime Stille zu gestalten, wie die Sopranistin großzügig anerkannte, aber es war Schwanewilms, die hier zu wahrer Größe gelangte.

David Nice, theartsdesk, 9. Dezember 2011

Tannhäuser | Wiener Staatsoper, Wien | November 2011

Es ist wunderbar, dass Gould eine Kollegin zur Seite gestellt worden war, die sein Spitzenniveau ebenfalls erreichte. Anne Schwanewilms ist eine berückende Elisabeth, klar in der Diktion, höhensicher, man hört kein Vibrato. Sie fühlt sich anscheinend in der Inszenierung wohl. Im 2.Aufzug sprühte sie vor Spiellust, im dritten Aufzug war sie ergreifend, als sie den (in dieser Produktion) bewusstlos im Bett liegenden Tannhäuser pflegte, ehe sie an einer Überdosis von Medikamenten starb. Nach diesem Abend bleibt zu hoffen, dass Schwanewilms in der nächsten Zeit in Wien oft zu hören ist.

Kurt Vlach, Der neue Merker, Tannhäuser am 23.11.2011

Anne Schwanewilms machte als reinste Jungfrau Thüringens ihrem Namen als herausragende Wagner-Interpretin alle Ehre. Glasklar intonierend genoss das Publikum ihre wortdeutlichen Kantilenen bis zum letzten Atemzug Elisabeths.

Daniel Wagner, Wiener Zeitung online

(…) was musikalisch zum Ereignis wird – Tannhäusers Seelenwirren und die (…) Welt des mittelalterlichen Ritterstandes. Elisabeths Liebe und Leid, von Wagner auf die Spitze getrieben, von Anne Schwanewilms mit leuchtendem Sopran durchlitten und durchlebt, wie es lange keine Primadonna in diesem Haus mehr geschafft hat. Die Hallenarie, das Gebet, zwei Extreme vokaler Darstellungskunst, geraten zu innigen Höhepunkten einer durchwegs spannenden Vorstellung.

Die Presse, 22.11.2011

Der Rosenkavalier | Teatro alla Scala, Mailand | Oktober 2011

Die aristokratische Marschallin, wunderschön und melancholisch im Bewusstsein der verrinnenden Zeit und der verblühenden Liebe, hat, in der schlichten Eleganz ihrer Kostüme, große Natürlichkeit, die durch den äußerst feinsinnigen und köstlichen Gesang der Anne Schwanewilms sehr schön verkörpert wird.

Paolo Gallarati, La Stampa, 5.10.2011

Anne Schwanewilms (als Marschallin) führt die Hierarchie der Damen elegant an: Sie hat zweifelsfrei Charisma, in ihrer schlichten Art und Weise…

Giovanni Gavazzeni, Il Giornale, 5.10.2011

Anne Schwanewilms ist die Marschallin und sie schenkt uns eine perfekte und überzeugende Interpretation, die tief bewegt. Stolz und vornehm, verhält sie sich gewandt in der Affäre mit Octavian am Beginn der Oper – wissend, dass diese Zeit bereits vergangen ist (…), und die neue Liebe von Quinquin akzeptierend, alles mit ganz außerordentlicher Empfindung, niemals kalt oder distanziert. Wenn sie im Finale langsam zu Fuß in den Wald aufbricht, ruft das wirklich eine profunde Ahnung von einem „Gang in den Abend“ hervor, wie er in der Musik ausgedrückt wird; unvergesslich die Geste, mit der sie das Haar berührt, um eine Locke aus den Augen zu streichen: Der Finger, der eine Träne wegwischt, oder auch das Gefühl der Trennung, leicht melancholisch, etwas, das schwer in Worte zu fassen ist, das aber Schauer durch das Theater geschickt hat. Die Stimme hat ein hohes Register von strahlender Leuchtkraft, die Mitte ist weich und die Tiefe intensiv und voll.

Francesco Rapaccioni, Teatro.Org

Anne Schwanewilms ist eine absolut glaubwürdige Marschallin, stimmlich elegant und in der Gestik höchst angemessen.

Stefano Jacini, Il Giornale della Musica

(…) Anne Schwanewilms in der Rolle der Marschallin ist subtil, gewandt, glaubwürdig und vollkommen in ihrem Element in ihrer Gesangspartie, in der sinnlichen Freude und der existenziellen Schwermut der Rolle.

Bernardino Zappa, L’Eco di Bergamo, 3.10.2011

 Die Marschallin, Anne Schwanewilms, singt exzellent und mit äußerst klarer Diktion, sie trägt viel zur melancholischen Stimmung des Werkes bei.

Paolo Isotta, Corriere Della Sera, 3.10.2011

Die Frau ohne Schatten | Großes Festspielhaus, Salzburg | Juli 2011

Für die Zaubersphäre Keikobads interessiert sich Christoph Loy nur insoweit, als sie in seiner ‚Heldin’ <der Kaiserin> Staunen, Visionen, Tagträumereien auslöst. Und mit Anne Schwanewilms steht eine Protagonistin auf der Bühne, die diesen psychologischen Röntgenblick in Gestik und vokaler Gestaltung plausibel beglaubigt. Vom entrückt-besorgten, mit Harfenglitzer garnierten Erinnerungsruf an den bedrohten Kaiser (‚Ist mein Liebster dahin?’) bis zum gesprochenen Melodram.

Albrecht Thiemann, Opernwelt, Heft 9/10, 2011

Es sind starke Stimmen gefragt (…) Die Partie der Kaiserin ist hochdramatisch und zugleich verlangt Strauss ihr einen intimen Klang ab. Diesem Anspruch kam Anne Schwanewilms mit silberhellem Timbre nach. Gross ihr Schlussmonolog (‚Sternennamen rief ich an’). Gesungene Hingabe an das Schicksal paarte sich mit betörendstem Gesang.

Benjamin Herzog, Musik & Theater, Heft 9/10, 2011

Bestimmt wird der Abend von den drei Frauen, (…) Eine aber fällt besonders auf, und das ist die Kaiserin. Sie ist die Zentralfigur, durch ihren Blick wird die Geschichte der «Frau ohne Schatten» vermittelt (…) Das Außerordentliche besteht hier allerdings darin, dass Anne Schwanewilms die Partie auch vokal so auslegt. In keinem Moment regiert bei ihr der durch Druck erzeugte Kraftgesang, mit dem sich Sängerinnen gegenüber dem sinfonisch agierenden Orchester sonst zu behaupten versuchen. Sie bleibt lyrisch und hauchzart, eine Tochter eben des Geisterkönigs Keikobad, die keinen Schatten wirft.

Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung online

Anne Schwanewilms singt diese Frau ohne Schatten berückend schön …

Wilhelm Sinkowitz, Die Presse

Anne Schwanewilms ist eine überraschend zarte Kaiserin, beobachtend, suchend, zweifelnd. Sie singt die kräftezehrende Partie fast scheu, spannt demnach die lyrischen Bögen mit leuchtkräftiger Präsenz (…). Wie sie die Spannungsstadien ihres letzten Monologs bis ins Melodram durchmisst, zeugt von famoser singschauspielerischer Intelligenz.

Karl Harb, Salzburger Nachrichten

Am schönsten <von allen Darstellern> gelingt es Anne Schwanewilms mit intimem Ton, die Figur der Kaiserin und deren Darstellerin in ihrer Zweisamkeit plausibel und interessant zu machen.

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung

Erscheinet Anne Schwanewilms als junge Sängerin der Kaiserin zu Beginn (…) noch vollständig im virtuellen „Geisterreich“ einer ästhetischen Empfindsamkeit (…) gefangen, die (…) noch keine realen Früchte gezeitigt hat, so ringt sie sich am Ende durch zu einer Authentizität des Ausdrucks, die – in dem von Strauss komponierten Melodram (…) – sich gar anschickt, den ästhetischen Schein zu durchbrechen. Anne Schwanewilms beglaubigt diese Entwicklung mit ihrem zunächst ätherisch zerbrechlich, beinahe gläsern klingenden Soprantimbre, das sie zum Ende der mörderischen Partie hin zunehmend körperreicher und leuchtender klingen lässt.

Julia Spinola, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Rosenkavalier – Muziektheater Amsterdam, 2011

Die Frau ohne Schatten – Salzburger Festspiele, 2011

Mit Richard Strauss das Leben leben (Köln 2011)

Sie sind in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen. Nun ist das Ruhrgebiet nicht gerade ein Landstrich, wo man von Kunst und Kultur verwöhnt wird. Wie sind Sie an die Musik geraten?
Über die Kirchenmusik. Mit dreizehn oder vierzehn wurde ich Mitglied des Kirchenchors. Mein Vater hatte den Chor nach dem Krieg wieder aufgebaut und war ebenfalls Mitglied, genau wie mein Onkel und mein Großvater. Die Schwanewilms sind in der Gemeinde immer bekannt gewesen für kräftige Stimmen. 

Waren Sie glücklich, als Sie entdeckten, dass Sie die Anlage zur Sängerin haben?
Ich wollte ja Gartenbau studieren und dann kam der Tiermedizin-Studienplatz dazwischen. Irgendwie dachte ich mir aber, dass ich noch etwas anderes in mir haben müsste, etwas, wonach ich suchen sollte. (…)

 Sie haben vor einigen Jahren das Wagner-Fach etwas eingegrenzt und haben Ihre Liebe zu Richard Strauss entdeckt. Wie weit war der Weg vom einen zum anderen?
Gar nicht so weit. (…) Elsa (Lohengrin), Sieglinde (Die Walküre), Leonore (Fidelio), das war alles gut zu bedienen, aber dadurch hatte ich drei Stufen übersprungen, sowohl fachlich als auch psychisch. Für mich war da immer noch ein lyrisches Fach dazwischen, das ich noch suchen wollte. (…) Und ich wusste, ich muss auf eine Suche gehen, auf eine Suche, die zartere Töne hervorbringt als nur Wagnertöne.

Was reizt Sie an den Frauengestalten in Richard Strauss’ Opern?
Ich wollte erst einmal meine tatsächliche lyrische Veranlagung ausleben, sprich hohe lyrische Bögen und lange lyrische Bögen singen – je länger, desto besser. Der Spinto bei Strauss ist enorm auf große lyrische Bögen ausgelegt, das liegt mir ungemein. Die Wagnerpartien wollte ich ein bisschen nach hinten schieben in der Biografie.

 Peilen Sie denn das schwere Fach irgendwann einmal an?
Ich muss dem nachgeben, was meine Stimme mir vorgibt. Ich bin kein Typ, der sich darüber hinwegsetzt. Ich bin eher ein bisschen gemütlich, will meinen Spaß haben, auch auf der Bühne, will genießen, will wenn möglich auch gestalten können, auch im dynamischen Bereich. Wenn meine Stimme mit den Jahren wächst und ich dann nicht höheren Druck ausüben muss für die dramatischen Rollen, sage ich bestimmt nicht nein.

Sie haben bisher alle Partien, die sie singen wollten, irgendwann auch gesungen. Hatten Sie ein Augenmaß dafür, was Sie erreichen können?
Nein. Ich gehe kleine Schritte. Ich gucke immer, dass mit mir rundherum alles in Ordnung ist, dass ich zufrieden bin und auch ein schönes Leben habe, denn nur dann kann ich auch gut singen. Wenn man große Schritte vorhat, übersieht man oft die kleinen, die man vielleicht hätte machen müssen.

Sie gelten als eine der weltbesten Opernsängerinnen. Sie singen an den großen Opernhäusern der Welt. Und trotzdem scheint es, als hätten Sie die Bodenhaftung nicht verloren. Woran liegt das?
Die kleinen Schritte! Einfach nur kleine Schritte machen, das Glück links und rechts sehen. Am Beruf auch die Freude sehen, die ist manchmal ein bisschen überdeckt durch den Stress, den man hat, und durch die Erwartungen, die man selbst an sich stellt, und die andere an mich haben. Aber dann: Einfach das Leben leben!

Auszüge aus dem Programmheft zum Konzert „Der schöne Sang“ im Funkhaus Wallrafplatz, Köln, mit dem WDR Rundfunkorchester Köln, Dirigent Frank Beermann. Interviewerin: Sabine Jäger, Februar 2011.

Sopran mit Wunderstimme (Amsterdam 2011)

Anne Schwanewilms ist diese Woche in Amsterdam für den Rosenkavalier von Richard Strauss, in dem sie die Rolle der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg singen wird, begleitet vom Philharmonischen Orchester Rotterdam und Sir Simon Rattle. Die Kenner freuen sich, denn niemand verkörpert die Rolle der Marschallin vollkommener als sie. Schwanewilms hat gute Neuigkeiten. Es kommt eine neue Aufnahme der Vier letzten Lieder: „Ich habe die Lieder mit dem Gürzenich-Orchester und Markus Stenz aufgenommen. Es war ein Fest. Es ist, als ob Strauss die Lieder für mich geschrieben hätte, denke ich manchmal.“ Wie ist das, so eine Wunderstimme zu haben? „Ach“, sagt Schwanewilms. Das mit der Wunderstimme sieht sie selbst überhaupt nicht so. „Aber es ist natürlich wunderbar, wenn das so rüberkommt.“ Dennoch hütet sie sich vor Eitelkeit. Sie steht lieber mit beiden Beinen auf dem Boden, solide verankert in der Erde, so wie es sich für eine ehemalige Gärtnerin gehört – ihr Beruf bevor sie Sängerin wurde. „Ich habe den Beruf der Sängerin gewählt, um meine eigene Seele zu erkunden. Ich will wissen, wie ich bin. Durch die Musik trifft man auf Welten und Emotionen, die nicht selbstverständlich die eigenen sind, und das ist schön. Zum Beispiel erfahre ich traurige Musik als eine Bereicherung, weil ich von Natur aus kein trauriger Mensch bin. Aber die echten Gefühle, die hört man genau in der Stimme. Und deshalb bin ich gern Sängerin.”

Es hat aber gedauert bis Anne Schwanewilms wusste, was für eine Sängerin sie war. Sie beschreibt es selbst als „einen langen, schmerzhaften Weg“. „Ich habe als tiefer Alt angefangen, ging dann vom Mezzosopran zum hohen Mezzo, dann zum jugendlich-dramatischen Sopran, aber damit war ich nicht glücklich. Dann hätte ich auch Gärtnerin bleiben können. Alles ging nur über die Kraft, die Lautstärke, und das finde ich musikalisch wenig interessant. Und zu jedem neuen Fach gehörte ein neues Repertoire. Das war eine ziellose Zeit.

 Erst in den Jahren 2001, 2002, 2003 kam ich darauf, dass ich ein lyrischer Sopran bin. Damals öffneten sich psychisch die Tore, und es offenbarten sich Töne, die ich von mir nicht erwartet hätte. Es stellte sich heraus, dass ich oben eine Glockenstimme hatte, mit einer Zartheit, die mich selbst völlig überraschte. Aber wenn ich hätte wählen können, hätte ich mir diese Stimme nicht ausgesucht (lacht). Ich wollte immer eine dramatische Stimme, so wie Christa Ludwig und Brigitte Fassbaender. Tief, reich. Aber nun ja, das bin ich nicht. 

(…) Sie sang 1996 in Bayreuth in Der Ring des Nibelungen die Gutrune und realisierte: Ich glaube, dass ich doch ein Sopran bin. Den Wechsel in das Stimmfach machte sie ohne Lehrer. „Ich wollte ich selbst sein, ohne jemand nachzuahmen wie ein Papagei. Wenn ich zu Elisabeth Schwarzkopf gegangen wäre, hätte ich wie Elisabeth Schwarzkopf geklungen“. Es war die richtige Wahl. Und sie erntet noch heute täglich die Früchte, als einer der meistgeliebten Soprane dieser Zeit, aber „Gott sei Dank“ ohne den Starrummel um eine Anna Netrebko, mit der sie keineswegs würde tauschen wollen.

Und nun kommt sie hierher, um in der Nederlandse Opera die Marschallin zu singen. (…)

Die Feldmarschallin: Die Rolle ist eine von Schwanewilms Lieblingsrollen, weil sie so lebensnah ist. In der Oper singt sie über das Leben einer älter werdenden Frau, mit allen dazu gehörenden existentiellen Zweifeln. „Dies ist das 31. Mal, dass ich diese Rolle singe und das ist eigentlich noch nicht so viel. Ich finde noch jedes Mal neue Farben, neue Zugänge, neue Einsichten in die Rolle, und bestimmt hier in Amsterdam, in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender. Sie hat wieder eine ganz andere Sicht auf die Marschallin. „Sie ist nicht so melancholisch, nicht so selbstgenügsam. Wenn sie singt: ‚Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding’ hat das nun einen leichteren Ton, auch leicht ironisch. ‚Ach was, ja, ich werde älter, aber was kann ich daran ändern?’ Und das nicht mit tiefem Selbstmitleid“ – Schwanewilms singt dem Berichterstatter die Zeile noch einmal vor, diesmal mit dick aufgesetztem Gram – „Das kann sehr schnell sehr fad werden. Ich muss noch herausfinden, ob das alles rüberkommt, denn mit der Leichtigkeit will ich auch zum Ausdruck bringen, dass das alles natürlich nicht so ganz lustig ist. Der fortwährende doppelte Boden macht die Rolle so interessant. Das ist Theater!” 

Und glücklicherweise ist da immer die Musik als Stütze, sagt Schwanewilms. Schauspielerin ohne Musik würde sie nicht gern sein. „Das würde ich nicht können. Als Sängerin weiß ich von Zeile zu Zeile, wohin es geht. Eine Schauspielerin steht nackt da. Sie hat nur Text und muss darin eine eigene Rhythmik finden, eine eigene Dynamik. Huuu. Unheimlich. Nein, ich habe das rechte Los erwählt (lacht). Aber ich will es auch nicht zu rosig schildern. Wenn du morgens wach wirst und hast abends eine Vorstellung und du hast das Gefühl, dass du nicht bei Stimme bist – das sind Momente von Stress im Quadrat. Oder wenn man im Flugzeug sitzt, umgeben von schniefenden Menschen. Aber wenn man der Angst nachgibt, wird alles noch viel schrecklicher. Man tut das letztlich für die Momente, in denen alles gut läuft, oder sogar besser läuft als erwartet. Das sind Gottesgeschenke, davon muss man dann lange zehren. Und das geschieht mir oft genug. Wie oft ist ‚genug’? Etwa 25 % aller Auftritte, schätze ich. Christa Ludwig hat mal gesagt, sie sei froh, dass sie nicht mehr singt, denn jetzt könne sie endlich mal ohne Schal auf die Straße und ein kaltes Bier trinken. Und da dachte ich: So eingeengt will ich nicht sein. Ich trinke das kalte Bier, auch wenn das bedeutet, dass ich am folgenden Tag die Rechnung bezahle. Und die erkälteten Freunde dürfen auch zu Besuch kommen. Ich will normal leben. Ich will keine Nonne sein” (lacht). 

Ist lachen eigentlich gesund für Sänger? „So wie ich lache absolut nicht“, sie lacht lauthals und heiser wie ein Sack Kieselsteine. „Aber darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Ich kenne Kollegen, die haben ihr Lachen angepasst. (Sie gurrt wie die Cartoon-Figur Betty Boop.) Die spielen doch immer eine Rolle, sind unecht. Ich möchte nicht so denken. Denn wenn man nicht man selber ist, kann man auch niemanden im Innersten erreichen.“

Aus einem Interview in der Zeitung “Het Parool” am 11. Mai 2011, anlässlich der Premiere von Richard Strauss „Der Rosenkavalier“ im Muziektheater Amsterdam, De Nederlandse Opera. Copyright: Erik Voermans

 

Der Rosenkavalier | Muziektheater, Amsterdam | Mai 2011

(…) Aber ich bevorzuge Anne Schwanewilms, die mit ihrer geschmeidigen und vollen Sopranstimme als aristokratische Marschallin ganz in ihrem Element ist. In ihrer Würde und beherrschten Emotion zeigt sich im Schlusstrio ihre Einsamkeit.

www.operamagazine.nl

Schwanewilms ist, trotz Strobos’ Erfolg, die großartigste Sängerin der Vorstellung. Die Rolle der reiferen Frau, die von ihrem jüngeren Liebhaber verlassen wird und am gnadenlosen Fortschreiten der Jahre schmerzlich zu tragen hat, passt ihr in jeglicher Hinsicht wie angegossen.

Frits van der Waa, De Volkskrant

Vollkommen entspannt singt sie und lässt selbst das leiseste Pianissimo bis in die letzten Winkel des Muziektheater hören. Die Marschallin, nicht die beiden jungen Menschen, hat das letzte Wort. Lieben heißt loslassen.

Fier

Der Schluss des ersten Akts, in dem die Marschallin wehmütig über das Älterwerden und das Verstreichen der Zeit sinniert, wurde von Rattle in hauchzarten Abstufungen des Pianissimo gezeichnet, wodurch Schwanewilms mit wirklich atemberaubend intimen Stimmlagen die Zweifel und Ängste der alternden Frau charakterisieren konnte.

Erik Voermans, Het Parool

Neben Sally Matthews als Sophie ist Anne Schwanewilms als Marschallin die größte Attraktion: Mit der Lauterkeit ihrer Stimme und Darstellung zeigt sie, was elegantes Altern ist. Ihr ‚Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding’ ist ein Highlight, das einem die Kehle zuschnürte.

Mischa Spel, NRC Handelsbad