Betörend – Schwanewilms’ Liederabend im Cuvilliés-Theater

München – Wie abgründig lächelnd und im schönsten Piano flötend Anne Schwanewilms gleich zu Beginn „Das hat mit ihrem Singen die Lorelei getan“ als Ende von Liszt-Lied singt, ist Verführung pur und das Motto ihres großartigen Festspiel-Liederabends im Cuvilliés-Theater. Wenn auch im folgenden Eichendorff-Liederkreis op. 39 von Robert Schumann die gleiche Rhein-Hexe unter Bäumen auf Opfer lauert („Waldesgespräch“) und später in der ersten Zugabe eine Wassernixe den schlafenden „Fischerknaben“ Liszts in die Tiefe lockt, dann ist das höchst beziehungsreich. Denn Anne Schwanewilms singt über diese ebenso unwiderstehlichen wie gefährlichen Frauen, die Männer jeden Alters ins lustvolle Verderben stürzen, nicht nur, sie verkörpert sie kraft ihres ungemein schönen, reichen und herbsüßen Timbres, ihrer bestechenden Piani und ihrer hintergründig sphinxhaften Mimik. 

Baritone singen oftmals männlich direkt einzelne Lieder von Schumanns op. 39. Doch bei Schwanewilms liegt über allen zwölf Liedern und über fast jeder einzelnen Phrase sehr viel Melancholie – nicht nur in der „Mondnacht“. Höhepunkt ist das siebte Lied: „Auf der Burg“, ebenfalls ungemein zart, ebenso langsam wie leise und mit Pausen durchsetzt gesungen, von der letzten Zeile her gedeutet: „Und die schöne Braut, sie weinet.“ Pianist Malcolm Martineau spielt ganz auf dieser Wellenlänge, atomisiert das Schumannsche Melos oftmals geradezu und elektrisiert dadurch den Hörer. 

Nach der Pause leitet das eher extrovertierte „Oh! Quand je dors“ von Liszt die fünf Wesendonck-Lieder von Richard Wagner ein. Nun erlaubt sich Anne Schwanewilms größere musikalische Gesten und auch ausgreifendes Legato. „Der Engel“ des Beginn verzaubert, das „brausende Rad der Zeit“ aber darf wild aufrauschen („Stehe still!“). Doch wieder verzaubern die leisen, sehnsuchtsvollen Töne von „Im Treibhaus“ und „Träume“ am meisten, nicht umsonst sind beides Studien zu „Tristan und Isolde“. Der zart gewölbte Bogen, mit dem Anne Schwanewilms das Melisma auf das Wort „Elysium“ in der zweiten Zugabe („Das Rosenband“ von Richard Strauss) zelebriert, ist noch einmal die Verheißung einer unwiderstehlichen Sängerin. 

Klaus Kalchschmid, Süddeutsche Zeitung, 21.07.2015